IdeenwerK

Autor vs. Schriftsteller – Ein feiner Unterschied mit großer Wirkung

Autor vs. Schriftsteller - Ein feiner Unterschied mit großer Wirkung

Vor ein paar Wochen führte ich ein interessantes Gespräch mit einer befreundeten Autorin. Es ging wie so oft in der heutigen Zeit um das Thema KI und ihre rasante Entwicklung und was das für unsere schreibende Zunft bedeutet. Ihre Frage an sich selbst und damit auch an mich lautete: Sehe ich meine Existenz als Autorin von der KI bedroht?

Was folgte war ein Moment der Stille, in der ich die ersten Zweifel in ihrem Blick bemerkte aber auch die Neugierde, wie ich dazu stand. Die Worte, die ich aus meinem Mund hörte, trafen mich dabei allerdings mit solch einer Wucht, dass die Frage und ihre Konsequenzen auch Tage danach noch in mir nachhallten und mich zum Nachdenken brachten.

„Ich bin Schriftstellerin!“

Drei Worte mit großer Wirkung und einer Wahrheit, die ich nie in Frage gestellt hatte. Ich sah meine Existenz nicht bedroht. Der Abend verflog wie im Nu und wir kamen nicht wirklich zu einem zufriedenstellenden Ergebnis. Doch ich wollte es genauer wissen und fing an zu recherchieren. Und die erste Frage, die sich dabei für mich stellte, war, warum sah ich mich als Schriftstellerin, während sie sich als Autorin sah. Gibt es da überhaupt einen Unterschied und wenn ja, erklärte das dann, warum die eine ihre Existenz bedroht sah, während die andere der Kraft ihrer Worte vertraute?

Machen wir uns nichts vor. Schreiben ist Arbeit. Mitunter sogar harte Arbeit. Wenn die Worte und Gedanken nicht fließen wollen und man vor dem leeren Bildschirm sitzt und sich fragte, tauge ich überhaupt als Schreiberin? Die KI brachte einen Stein ins Rollen, den man nicht mehr aufhalten kann, und ich denke, jeder von uns hat schon einmal mit der KI herumgespielt und war erstaunt, wie schnell sie vermeintlich gute Ergebnisse produzieren konnte. Was so leicht bei ihr aussah, stellte uns schon so manches Mal vor eine schier unüberwindbare Hürde. Da würde doch jeder in Versuchung geraten oder etwa nicht?

Zurück zur Frage, warum ich die KI nicht als Endgegner sehe.

Autor vs. Schriftsteller – ein Definitionsversuch

Und wie startet man oder in dem Fall Frau ihre Recherche, natürlich erst einmal mit dem Versuch einer Begriffserklärung. Beide Begriffe werden im Alltag oft synonym verwendet, doch der Unterschied liegt sozusagen zwischen den Zeilen. Wie ein zarter Hauch, den nicht jeder sofort spürt.

  • Autor (von lat. auctor = Urheber) bezeichnet allgemein die Person, die einen Text verfasst hat,  unabhängig vom Genre. Der Begriff betont die Urheberschaft. Ein Autor kann auch jemand sein, der nur ein einziges Werk geschrieben hat, z. B. einen Fachartikel, ein Sachbuch oder ein Drehbuch.
  • Schriftsteller betont stärker, dass das Schreiben ein Beruf oder eine intensive Berufung ist. Der Begriff impliziert meist literarisches Schaffen (Romane, Gedichte, Erzählungen) und eine gewisse Kontinuität – also jemand, der regelmäßig und professionell schreibt.

Soweit erst einmal die Definition per se. Wir beide sind Frauen, die ganze Romane, ganze Welten erschaffen. Doch warum sah sie sich dann nicht als Schriftstellerin, sondern „nur“ als Autorin?

Halten wir also noch einmal fest: Jeder Schriftsteller ist auch ein Autor, aber nicht jeder Autor ist auch gleichzeitig ein Schriftsteller. So ist zum Beispiel ein Wissenschaftler, der einen Artikel in einer Fachzeitung veröffentlicht hat, ein Autor und kein Schriftsteller. Allerdings ist so jemand wie Thomas Mann beides. Zum einen der Autor seiner Werke und zum anderen führt er den Titel Schriftsteller als Berufsbezeichnung.

Spätestens hier wurde mir klar, wie komplex dieses Thema doch ist und wie stiefmütterlich es bis jetzt behandelt wurde. Dadurch, dass beide Begriffe im modernen Sprachgebrauch synonym verwendet werden, lässt das die Grenzen immer stärker verwässern und beide Begriffe wirken fast schon beliebig und austauschbar.

Da muss noch mehr sein

Doch das konnte doch nicht alles sein, oder etwa doch. Waren wir wirklich schon so abgestumpft, uns nur anhand einer Definition dem ein oder anderen Begriff nahe zu fühlen? Das konnte und wollte ich so nicht akzeptieren, denn Schreiben ist doch so viel mehr, als nur eine Aneinanderreihung von Wörtern. Schließlich schreiben wir alle aus einem Grund heraus. Was mich bei meinen Recherchen zu dem Thema Motivation führte. Wir alle kennen die Begriffe extrinsische und intrinsische Motivation. Und spätestens ab hier wurde es interessant.

Um noch einmal auf die Gespräche mit meiner Freundin zu kommen. Während sie bereits den Funnel sah und wie sie ihre Bücher vermarkten konnte, um es bestmöglich zu verkaufen, stand für mich das geschriebene Wort immer noch an erster Stelle. Funnel, Sales Page, Marketing, Verkäufe … Nein, diese Begriffe passten nicht in meine schreibende Phase. Meine Freundin ist beim Schreiben eher extrinsisch motiviert, wohingegen ich intrinsisch motiviert bin.

An dieser Stelle möchte ich eines auch in aller Deutlichkeit klarstellen: Es gibt hier kein richtig oder falsch. Jeder Weg, den du als Autor oder als Schriftstellerin einschlägst, ist der Richtige, und zwar der Richtige für dich allein. Mein Weg ist ein anderer als dein Weg. Die Hürden, die wir während des Schreibens und darüber hinaus meistern müssen, sind zutiefst unterschiedlich. Das, was ich hier erläutere, ist meine persönliche Meinung, die ich mir aufgrund meiner Recherchen und eigenen Gedanken gebildet habe. Du kannst ihr zustimmen oder aber eine völlig andere Meinung dazu vertreten. Und das ist auch in Ordnung. Ich möchte dir nicht meine Meinung überstülpen. Vielmehr ist es ein Anstoß, sich selbst einmal mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Doch zurück zur Motivation. Liegt in ihr womöglich das Geheimnis, warum ich mich nicht bedroht fühle? Ich würde hier mal mit einem leisen Ja antworten. Gäbe es ab morgen nichts anderes mehr auf der Welt, würde ich immer noch schreiben wollen. Demzufolge würde es bedeuten, dass ein Autor eher extrinsisch motiviert ist, wohingegen der Schriftsteller intrinsisch motiviert schreibt. Wenn wir uns also noch einmal die Bedeutung der Wörter Autor und Schriftsteller genauer ansehen, stellen wir fest, dass sich der Begriff Autor mit seiner Etymologie als Urheber deckt. Dieses Wort klingt bereits funktional und zweckorientiert. Jemand, der etwas produziert. Zerlegen wir dagegen das Wort Schriftsteller, kommen wir zu dem Schluss, diese Person stellt mit Worten etwas dar, was in ihm steckt.

Und das ist es auch, was ich mache, ich schreibe, um die Geschichten, die in mir stecken, zu erzählen, unabhängig davon, wie viele Menschen sie am Ende eventuell lesen. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und sage, dass dies sogar den Unterschied erklärt, warum manche Werke bloß nett gemacht sind, während andere einen zutiefst berühren. Ich glaube daran, dass wir spüren, ob jemand schreiben musste oder wollte.

Kann man beides sein?

Bei meiner Suche nach einer passenden Antwort stieß ich immer tiefer in eine Welt vor, die weder schwarz noch weiß war, und es stellte sich die Frage: Kann ein Autor beides gleichzeitig sein?

Auch hier muss man die Antwort differenzierter betrachten und sie in zwei Phasen gliedern.

Phase 1 intrinsisch: Der Schriftsteller schreibt, weil er muss. Die Idee drängt nach außen, der Text entsteht aus einem inneren Impuls heraus. In dieser Phase wäre ein Publikum fast störend. Es geht nur um den Text selbst.

Phase 2 extrinsisch: Das fertige Werk sucht seinen Weg in die Welt. Jetzt kommen Verlag, Leser, Resonanz, vielleicht auch Geld ins Spiel. Der Schriftsteller wird in diesem Moment auch zum Autor. Zum Urheber, der sein Werk nach außen vertritt.

Das Interessante an dieser Betrachtungsweise ist, dass die Reihenfolge entscheidend ist. Wer mit Phase 2 beginnt, also zuerst fragt „Was will der Markt?“, überspringt das Schriftstellerische und startet direkt als Autor im extrinsischen Sinne. Man könnte auch sagen: Die Motivation der ersten Phase bestimmt die Seele des Werkes. Was danach kommt, ist Handwerk und Kommunikation.

Oder um es noch direkter zu sagen:

Der Autor denkt vom Leser her. Was kommt an? Was verkauft sich? Was braucht der Markt? Der Text ist ein Produkt, das einen Abnehmer sucht.

Der Schriftsteller denkt vom Text her oder noch tiefer: von sich selbst her. Was muss raus? Was ist noch nicht ausgedrückt? Der Leser ist zunächst irrelevant.

Schriftsteller, die die Welt bewegten

Wenn ich also schreibe, um mich selbst auszudrücken, unabhängig davon, ob es später Anklang findet, ist das für mich somit die reinste Form des Schriftstellers. Veröffentlichung wäre dann kein Kriterium, sondern fast schon ein Zufall oder eine Entscheidung, die nachgelagert kommt oder auch nie kommt. Der Schriftsteller existiert unabhängig davon, ob ihn jemand liest. Es ist also eine existenzielle Frage. Wenn man sich Schriftsteller der vergangenen Jahrzehnte einmal genauer betrachtet, haben die ganz großen zum Teil nur ein Werk veröffentlicht. Teilweise wurden Werke auch erst nach deren Tod posthum veröffentlicht.

·         Emily Brontë: Sie lebte zurückgezogen in den Yorkshire Moors, kaum sozialer Kontakt zur literarischen Welt, kein Streben nach Ruhm. Sturmhöhe erschien 1847 unter dem Pseudonym Ellis Bell. Somit nahm sie sich vollkommen aus der Gleichung raus. Der Text sollte existieren, nicht sie als Autorin.

·         Harper Lee: To Kill a Mockingbird (1960): Jahrzehntelang ihr einziges Werk. Pulitzer-Preis, Weltbestseller, Pflichtlektüre in Schulen weltweit. Sie gab kaum Interviews, mied die Öffentlichkeit.

·         J.D. Salinger: Der Fänger im Roggen. Nach der Veröffentlichung zog er sich komplett zurück, schrieb angeblich weiter, veröffentlichte aber nichts mehr.

Ist die KI nun eine Bedrohung

Wenn wir nun einmal die KI auf ihren wesentlichen Kern herunterbrechen, kommen wir zu dem Schluss, dass KI bloß eine Maschine ist, die Muster nach ihrer Wahrscheinlichkeit repliziert.

Oder vereinfacht ausgedrückt: KI kann produzieren, aber nicht aus einem inneren Muss heraus schreiben.

Sie hat keine Geschichte, die in ihr steckt und erzählt werden will. Allerdings bedeutet das auch, wenn wir uns noch einmal den etymologischen Sinn genauer ansehen, dass die KI an dieser Stelle als der ultimative Autor angesehen werden kann. Ein reiner Urheber von Texten, aber niemals als Schriftsteller im Sinne von jemandem, der etwas aus sich heraus gestalten muss.

Nun, nachdem sich für mich so langsam ein Kreis geschlossen hatte, kam ich zu dem Schluss, dass ich den Grund kenne, warum ich schreibe, und das ist etwas, was mir keine Maschine oder keine KI der Welt nehmen kann. Würde ich Texte auf Masse erzeugen, würde es mir wahrscheinlich ähnlich wie meiner Freundin ergehen und ich würde mein Schaffen in Frage stellen und wahrscheinlich den Teil meiner Existenz ebenfalls als bedroht ansehen.

Wir sollten uns also von dem Gedanken lösen, uns zu fragen, was die Leser mit größter Wahrscheinlichkeit lesen würden, und uns stattdessen lieber die Frage stellen, was will ich schreiben? Welche Geschichte schlummert in mir und will unbedingt erzählt werden? Denn nur so dringen wir zu unserem wahren Kern vor und entdecken den Schriftsteller in uns, der keine Angst vor der Zukunft oder irgendeiner KI haben muss. Ich bin froh und dankbar dafür, dass ich nach einer langen Reise den Weg von der Autorin zur Schriftstellerin geschafft habe. Und dabei bedurfte es noch nicht einmal viel. Es waren nur zwei Fragen: Wer will ich sein und was will ich schreiben.

Nutze also den Moment und reflektiere einmal für dich, in was für einer Welt du leben möchtest. In einer Welt, in der deine Worte fließen, oder in einer Welt, in der jedes Wort beliebig ist. Ich denke, wir alle kennen die Antwort darauf.

Und nun lass deine Worte fliegen und webe mit ihnen die Magie deiner Geschichte.

Bis zum nächsten Mal im 

Ideenwerk

Sara-Isabell Buch, Autorin und Lektorin im SchreibAtelier

Sara-Isabell

Ich habe mein Leben und Werk der Kreativität, Inspiration und Motivation verschrieben. Drei Werte, die sich im Laufe meiner kreativen Reise immer deutlicher gezeigt haben.

Du möchtest noch mehr zu diesem Thema erfahren?
Dann schick mir eine kurze E-Mail!
Ich freue mich auf einen kreativen Austausch mit dir.