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Creative Mental Health: Warum dein Schreiben auch dich selbst braucht.

Creative Mental Health

Ich bin mir ziemlich sicher, dass du bereits über den Begriff Mental Health gestolpert bist. Gerade in den letzten Jahren erlebte der Begriff geradezu einen Boom. Podcast, Bücher, Trainer, ganze Berufszweige widmen sich mittlerweile der Frage: Wie kann ich gesund bleiben, wenn der Alltag viel zu laut wird und die Anforderungen an einen immer weiterwachsen.

Dass es diese Bewegung gibt ist wichtig. Gar keine Frage. Aber ich finde, er ist noch nicht weit genug gedacht. Denn was sich mir stellt ist die Frage, was ist mit der mentalen Gesundheit von Menschen, die kreativ arbeiten oder wie in unserem Fall von Menschen die schreiben. Menschen, die sich tief in die Seele blicken lassen und dem Leser eine Welt offenbaren, in der sie für einen kurzen Moment verweilen können.

Vielleicht kommt dir das folgende Szenario ja bekannt vor: Du sitzt an deinem Manuskript. Du hast längst aufgehört die Stunden zu zählen und plötzlich merkst du, dass du nicht mehr nur an deiner Geschichte arbeitest, sondern auch an dir selbst. Ohne Frage, es war nicht geplant und doch ist es passiert. Ganz still und heimlich. Und das schlimme ist, niemand hat dir vorher erklärt, wie du damit umgehen sollst.

Was ist eigentlich Creative Mental Health?

Ich habe an dieser Stelle bewusst ein Creative vor Mental Health gesetzt, um noch einmal zu betonen, worum es hier wirklich geht. Doch was ist damit nun konkret gemeint? Creative Mental Health beschreibt, wie es Menschen geht, deren innere Welt eng mit der eigenen kreativen Arbeit verbunden ist. Und das betrifft sämtliche kreativ schaffende Personen aus allen Bereichen der Kunst.

Der Unterschied zur allgemeinen mentalen Gesundheit liegt in der Nähe. Wer kreativ arbeitet offenbart sein Innerstes der Welt. Er öffnet sich einem Prozess, bei dem Gefühle, Erinnerungen und Ängste ständig Material für neue Werke liefern. Anders ausgedrückt: Kreative Arbeit hat kein Türschild, das eine klare Grenze zwischen innen und außen zieht.

Die Worte, die du am Tag zu Papier bringst, entstammen demselben Ort, der dich nachts wach liegen lässt.

Und genau deshalb ist es so wichtig, dass wir, du und ich, einmal einen genaueren Blick darauf werfen, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Arbeit eines Autors oder einer Schriftstellerin den Menschen dahinter auf eine besondere Weise fordert. 

Writing Mental Health: Das Innenleben hinter dem Manuskript

Doch lass uns noch einen Schritt weitergehen und den Begriff noch weiter zuspitzen. Dafür möchte ich an dieser Stelle den Begriff Writing Mental Health einführen. Er steht für die Frage: Wie wirkt sich das Schreiben selbst auf unsere innere Erlebniswelt aus.

Schreiben kann heilsam sein. Gar keine Frage. Wer seine Figuren durch schwere Zeiten begleitet, verarbeitet oft unbewusst eigene Erfahrungen. Wer eine Welt erschafft, in der Gerechtigkeit das höchste Ideal ist, der sucht möglicherweise auch in der realen Welt nach dieser Form von Gerechtigkeit. Das Schreiben wird plötzlich zu einem Ort, an dem Dinge Platz finden dürfen, die sonst keinen Raum bekommen.

Bei all dem dürfen wir aber nicht aus den Augen verlieren, dass Schreiben auch das Gegenteil bewirken kann. Wenn man stundenlang in einer emotionalen Szene gefangen war, trägst du einen Teil dieser Schwere auch dann noch mit dir herum, selbst wenn der Laptop schon zugeklappt ist. So ging es mir nach einer Schlüsselszene im ersten Band meiner Trilogie. Schon beim Schreiben spürte ich den Klos in meinem Hals und ich brauchte danach erst einmal etwas Abstand. Ich konnte mich nicht einfach am nächsten Tag wieder an den Rechner setzen und weitermachen. Natürlich weiß ich, dass das alles nur fiktiv ist, aber dennoch hat es meinen Inneren Kern bewegt und setzte ein kleines Gedankenkarussell in Gang, dass sich nicht so einfach wieder beruhigen ließ. Ich habe mich tapfer hindurch gekämpft und weitergeschrieben, obwohl die Worte in dem Moment nicht gut waren, aber es musste ja irgendwie weitergehen.

Das ist nur ein Szenario. Ein weiteres dürfte wohl jeder von uns kennen. Wenn du täglich mit deinem inneren Kritiker verhandelst, wird dieser Kritiker irgendwann lauter, als du es dir wünschst. Und wenn dein Selbstwert an der Anzahl geschriebener Wörter hängt, wird aus einer Leidenschaft schnell ein Ort, an dem du dich selbst unter Druck setzt.

Zusammengefasst bedeutet das: Schreiben ist nie neutral. Es ist immer auch ein Gespräch mit dir selbst.

Vier Belastungen, die im Verborgenen wirken

Es gibt bestimmte Muster, die bei kreativ schreibenden Menschen besonders häufig auftauchen. Sie zeigen sich selten laut. Meistens schleichen sie sich ein.

Die Isolation

Schreiben findet oft allein statt, über Stunden, manchmal über Jahre. Diese Stille kann nähren, sie kann aber auch einsam machen, besonders wenn niemand im Umfeld versteht, warum eine fiktive Figur dich gerade so beschäftigt und das Unverständnis wächst.

Der Vergleich

In einer Zeit, in der jede veröffentlichte Geschichte, jeder Erfolg und jede Reichweite sichtbar ist, fällt es schwer, den eigenen Weg als genug zu empfinden. Der Vergleich flüstert leise, dass andere weiter, schneller oder talentierter sind.

Der Perfektionismus

Er tarnt sich gern als hoher Anspruch. In Wahrheit ist er oft die Angst, nicht gut genug zu sein, verpackt in immer neue Überarbeitungsrunden, bis man am Ende das Manuskript für immer in die Schublade legt und sie verschließt.

Der Output Druck

Wenn Schreiben zum Business wird, entsteht schnell die Vorstellung, ständig liefern zu müssen. Ein Manuskript nach dem anderen, ein Release nach dem anderen. Die Freude am Prozess gerät dabei leicht aus dem Blick.

Lass mich an der Stelle aber in aller Deutlichkeit sagen: Keiner dieser Punkte macht dich zu einer schwachen Person. Sie gehören zum Weg dazu, so wie Zweifel und Warten zu jeder kreativen Reise gehören.

Warnsignale, die du ernst nehmen darfst

Manchmal ist es schwer, den Unterschied zwischen einer normalen kreativen Talsohle und einer echten Erschöpfung zu erkennen. Ein paar Signale können dir helfen, genauer hinzuschauen:

  • Du fühlst beim Schreiben nur noch Leere.
  • Du vermeidest dein Manuskript anzusehen und schämst dich womöglich auch dafür.
  • Deine Stimmung hängt fast vollständig davon ab, wie viel du an einem Tag geschafft hast.
  • Du kannst kaum noch abschalten, weil dein Kopf ständig im Buch bleibt.

Wenn dir das bekannt vorkommt, ist das kein Grund zur Scham. Es ist ein Hinweis, dass dein Innenleben gerade mehr Fürsorge braucht als sonst. Und falls sich diese Erschöpfung schon lange zieht oder sich schwerer anfühlt, als hier beschrieben, darfst du dir auch professionelle Unterstützung holen. Das ist kein Scheitern. Das ist Selbstfürsorge in ihrer klarsten Form.

Was du für deine Writing Mental Health tun kannst

Hier geht es nicht um große Lösungen. Es geht um kleine, ehrliche Gewohnheiten, die du in deinen Alltag integrieren kannst.

Trenne dich zeitweise von deinem Manuskript

Nach einer emotional intensiven Szene hilft manchmal ein kurzer Spaziergang, ein Gespräch, ein Moment ohne Bildschirm. So bekommt dein Nervensystem die Chance, sich zu beruhigen, bevor du weiterschreibst.

Schreibe auch ohne Ziel

Ein freies, unbewertetes Schreiben, bei dem niemand mitliest und nichts perfekt sein muss, gibt dir einen Raum zurück, den der Output Druck sonst besetzt.

Suche dir Gemeinschaft

Ein Austausch mit anderen Schreibenden, sei es in einer Gruppe, einem Kurs oder einfach in einem ehrlichen Gespräch, erinnert dich daran, dass du mit deinen Zweifeln nicht allein bist. Das ist etwas, was mir persönlich sehr hilft.

Trenne deinen Wert von deiner Wortzahl

Du bist nicht weniger wert, wenn du an einem Tag nur einen Satz geschrieben hast. Ein Satz ist auch ein Anfang. Das ist etwas, was ich mir viel häufiger einmal zu Herzen nehmen sollte.

Sprich über das, was das Schreiben in dir auslöst

Mit einer Freundin, einem Tagebuch oder, wenn es tiefer geht, mit einer Fachperson. Worte, die du aussprichst, verlieren oft ihre Schwere.

Die häufigste Falle: Schreiben als einziger Ausweg

Hier ist etwas, das ich selbst auf die harte Tour lernen musste: Schreiben darf ein Ort der Verarbeitung sein. Aber es sollte nicht der einzige Ort sein.

Wenn das Manuskript zur einzigen Möglichkeit wird, mit dem eigenen Innenleben umzugehen, wird der Druck riesig. Jede Schreibblockade fühlt sich dann an wie ein persönliches Versagen. Jede schwierige Szene wird zur einzigen Ventilöffnung für alles, was sich sonst angestaut hat.

Ein gesünderer Weg entsteht, wenn das Schreiben eine von mehreren Möglichkeiten ist, mit dir selbst in Verbindung zu bleiben. Bewegung, Gespräche, Stille, vielleicht auch therapeutische Begleitung, all das darf gleichberechtigt neben dem Manuskript stehen.

Zusammengefasst

Creative Mental Health und Writing Mental Health sind kein Nischenthema, auch wenn kaum jemand öffentlich darüber spricht. Wer schreibt, öffnet sich einem Prozess, der heilen und gleichzeitig fordern kann. Isolation, Vergleich, Perfektionismus und Output Druck gehören zu den häufigsten unsichtbaren Belastungen, die wir mit unserer Arbeit erleben. Kleine, ehrliche Gewohnheiten wie Pausen, freies Schreiben, Gemeinschaft und offene Gespräche schützen dein Innenleben, während du an deiner Geschichte unbeschwert arbeiten kannst.

Deine Geschichte ist wichtig. Aber du bist es genauso!

Lass uns kurz innehalten, bevor du weiterschreibst: Wie geht es dir gerade wirklich, wenn du an deinem Manuskript sitzt? Diese Frage verdient genauso viel Aufmerksamkeit wie die Frage, wie es deiner Figur geht. Lass das einfach mal wirken und achte gut auf dich.

Und nun lass deine Worte fliegen und webe mit ihnen die Magie deiner Geschichte.

Bis zum nächsten Mal im 

Ideenwerk

Sara-Isabell Buch, Autorin und Lektorin im SchreibAtelier

Sara-Isabell

Ich habe mein Leben und Werk der Kreativität, Inspiration und Motivation verschrieben. Drei Werte, die sich im Laufe meiner kreativen Reise immer deutlicher gezeigt haben.

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