Letzte Woche habe ich bereits über das Thema Creative Mental Health geschrieben. Darüber, wie eng deine innere Welt mit deiner Arbeit als Autorin oder Autor verwoben ist und warum es so wichtig ist, dass du gut für dich sorgst, während du an deinem Manuskript arbeitest.
Heute möchte ich noch einen Schritt weitergehen. Denn neben der Frage, wie es dir beim Schreiben geht, gibt es noch eine zweite genauso wichtige Frage: Mit welcher inneren Haltung setzt du dich überhaupt an dein Manuskript?
Ich nenne es das Creative Mindset eines Autors oder Autorin.
Was ist eigentlich ein Creative Mindset?
Ein Creative Mindset ist die Summe der unbewussten Überzeugungen, mit denen du deiner eigenen kreativen Arbeit begegnest. Ob du einen schwachen ersten Entwurf als Beweis für mangelndes Talent liest oder als notwendigen Schritt deines Handwerks. Ob du Anspannung vor dem Schreiben als Warnsignal deutest oder als Zeichen dafür, dass gerade etwas Bedeutsames entsteht. Ob du auf die Muse wartest oder dir ein Ritual baust, das sie ersetzt oder hervorlockt.
All das entscheidet sich lange, bevor du den ersten Satz getippt hast. Und die gute Nachricht ist: Diese Haltung ist kein festes Persönlichkeitsmerkmal. Sie lässt sich verstehen, hinterfragen und mit der Zeit verändern. Und du glaubst gar nicht, wie schnell sich neue Gewohnheiten und Haltungen etablieren lassen.
Ich habe diese Haltung für mich in vier Bereiche aufgeteilt
- Der Zustand, in dem Schreiben gelingt.
- Der Mut, der jedem Schreiben vorausgeht.
- Der innere Kritiker und seine Verbündeten.
- Und die Praxis, die am Ende alles trägt.
Teil 1: Der Zustand, in dem Schreiben gelingt
Flow: wenn Schreiben sich nicht wie Arbeit anfühlt
Kennst du diese Momente, in denen du aufblickst und plötzlich zwei Stunden vergangen sind, ohne dass du es gemerkt hast? Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi hat genau diesen Zustand untersucht und ihn Flow genannt. Ein vollständiges Aufgehen in einer Tätigkeit, bei dem Handlung und Bewusstsein miteinander verschmelzen.
Entscheidend dafür ist die Passung zwischen Anforderung und Fähigkeit. Liegt eine Szene deutlich unter deinem Können, wird dir schnell langweilig. Liegt sie deutlich darüber, entsteht Angst. Flow entsteht genau in der schmalen Zone dazwischen, am eigenen Limit, aber nicht darüber hinaus.
Was im Kopf passiert, wenn die Worte fließen oder stecken bleiben
Der Neurowissenschaftler Arne Dietrich fand eine mögliche Erklärung dafür, warum sich Flow so mühelos anfühlt. Während des Schreibens fährt die Aktivität bestimmter Bereiche im präfrontalen Kortex vorübergehend herunter, genau jener Bereiche, die für selbstreflexives, bewertendes Denken zuständig sind. Der innere Kritiker wird schlicht leiser gestellt.
Bei Schreibblockaden geschieht dann das genaue Gegenteil. Die Selbstüberwachung bleibt durchgehend aktiv, während gleichzeitig geschrieben werden soll. Jeder Satz wird geprüft, bevor er überhaupt zu Ende gedacht ist. Erzeugen und Bewerten laufen parallel, und genau das blockiert.
Das ist keine Frage von zu wenig Kreativität. Es ist eine Frage von Timing. Doch dazu später mehr.
Growth Mindset statt Fixed Mindset
Die Stanford-Psychologin Carol Dweck untersuchte über Jahrzehnte, wie Menschen mit Misserfolg umgehen. Ihre zentrale Unterscheidung: Wer glaubt, Fähigkeiten seien angeboren und fest, hat ein Fixed Mindset. Wer glaubt, Fähigkeiten ließen sich durch Anstrengung entwickeln, hat ein Growth Mindset.
Besonders aufschlussreich fand ich eine ihrer frühen Studien mit Kindern. Wer für seine Intelligenz gelobt wurde, entwickelte danach mehr Angst vor neuen Aufgaben. Wer für seine Anstrengung gelobt wurde, blieb eher dran. Lob für eine vermeintlich feste Eigenschaft erzeugte paradoxerweise mehr Angst vor dem Scheitern, weil ein schlechtes Ergebnis dann die Eigenschaft selbst infrage stellt.
Für dich als Autorin oder Autor heißt das: Wer einen schwachen ersten Entwurf als Beweis mangelnden Talents liest, bricht eher ab. Wer denselben Entwurf als notwendigen Schritt eines Handwerks liest, bleibt eher dran.
»Ein schwacher Entwurf beendet nicht das Projekt. Er ist der erste Schritt davon.«
Teil 2: Der Mut, der jedem Schreiben vorausgeht
Kreativität ist in erster Linie kein Talent
Der Psychologe Rollo May hat sich zeitlebens mit der Frage beschäftigt, wie Menschen ein bedeutungsvolles, schöpferisches Leben führen können. Seine These, die er in seinem Werk »The Courage to Create« vorstellt, ist bis heute für mich zentral: Kreativität ist in erster Linie kein Talent. Sie ist ein Akt des Mutes.
May unterscheidet dabei mehrere Formen von Mut. Dabei beschreibt er den schöpferischen als die Bereitschaft, sich auf eine echte Begegnung mit dem Neuen einzulassen, statt sich auf Bekanntem auszuruhen. Seine wichtigste Erkenntnis für mich: Die Anspannung, die du vor und während des Schreibens spürst, ist kein Zeichen falscher Herangehensweise. Sie ist ein verlässlicher Hinweis darauf, dass gerade etwas Bedeutsames entsteht, dessen Ausgang noch offen ist.
Verletzlichkeit als Voraussetzung, nicht als Schwäche
Die Sozialforscherin Brené Brown definiert Verletzlichkeit als Unsicherheit, Risiko und emotionale Offenlegung. Nicht als Schwäche, wie das Wort umgangssprachlich oft verstanden wird. Ein Text existiert nicht wirklich, solange er nur in deinem Kopf ist. Er wird erst real, wenn ihn jemand liest. Und bis zu diesem Moment gibt es keine Garantie, wie er ankommt.
Browns Forschung zeigt, dass wir typische Schutzpanzer entwickeln, um dieser Unsicherheit auszuweichen. Perfektionismus oder Zynismus zum Beispiel. Das ständige Abschwächen der eigenen Arbeit. Das Vermeiden, überhaupt fertigzustellen. Alle diese Strategien schützen kurzfristig, verhindern aber langfristig genau das, was Schreiben eigentlich leisten soll.
Der Widerstand, der sich tarnt
Der Schriftsteller Steven Pressfield schrieb jahrzehntelang erfolglos, bevor er bekannt wurde. Aus dieser Erfahrung heraus beschreibt er eine Kraft, die er »Resistance«, also Widerstand, nennt. Eine Gegenkraft, die sich reflexhaft gegen jedes Vorhaben stellt, das für deine eigene Entwicklung wirklich bedeutsam wäre.
Widerstand meldet sich fast nie als offener Zweifel. Er tarnt sich, als plötzlich dringende E-Mail, als Aufräumen, das vorher noch erledigt werden muss, als das Gefühl, heute noch nicht genug recherchiert zu haben. Pressfields Faustregel dazu ist so einfach wie hilfreich: Je stärker der Widerstand bei einem Vorhaben, desto wichtiger ist dieses Vorhaben vermutlich für dich.
Teil 3: Der innere Kritiker und seine Verbündeten
Was du über dich glaubst, schreibst du wahr
Der Soziologe Robert K. Merton prägte den Begriff der selbsterfüllenden Prophezeiung. Wenn Menschen eine Situation als real definieren, wird sie in ihren Konsequenzen real, unabhängig davon, ob die ursprüngliche Definition zutraf. Den vielleicht eindrücklichsten Beleg dafür lieferten die Psychologen Robert Rosenthal und Lenore Jacobson mit ihrer berühmten Studie in Grundschulklassen. Zufällig ausgewählte Kinder, denen man besonderes Potenzial zuschrieb, steigerten am Ende des Schuljahres tatsächlich ihre Leistungen deutlicher als ihre Mitschüler. Verändert hatte sich nicht das Kind, sondern die Erwartungshaltung um es herum.
Für dich als Schreibende funktioniert derselbe Mechanismus nach innen. Wer glaubt »ich habe nichts zu sagen«, hört unbewusst auf, aufmerksam zuzuhören, Notizen zu machen, Ideen ernst zu nehmen, und findet folgerichtig tatsächlich weniger, was es wert wäre, aufgeschrieben zu werden. Der Glaube erzeugt das Verhalten, das ihn bestätigt.
Identität statt Ergebnis, und die Vergleichsfalle
Der Autor James Clear unterscheidet in seinem Buch »Atomic Habits« zwischen ergebnisbasierten und identitätsbasierten Zielen. Nachhaltiger wirkt fast immer die identitätsbasierte Formulierung. Nicht »ich schreibe gerade an etwas«, sondern »ich bin ein Mensch, der schreibt«. Jede tatsächlich vollzogene Schreibsession wird so zu einem kleinen Beweisstück für dieses Selbstbild.
Eine zweite Falle beschrieb bereits 1954 der Sozialpsychologe Leon Festinger. Menschen schätzen ihre eigenen Fähigkeiten fortlaufend durch Vergleich mit anderen ein, mangels objektiver Maßstäbe. Problematisch wird das online besonders, weil fremde Texte dort meist nur als fertiges Ergebnis erscheinen, nie als Prozess. Dein eigener erster Entwurf wird so unweigerlich mit dem hundertsten Entwurf einer anderen Person verglichen. Ein Vergleich, der von Anfang an unfair ist.
Wenn der Kritiker zu früh das Wort ergreift
Die meisten Blockaden entstehen nicht beim Schreiben selbst, sondern beim gleichzeitigen Schreiben und Bewerten. Wie du im Neurowissenschafts-Abschnitt gelesen hast, konkurrieren dabei zwei Prozesse um dieselben Ressourcen. Werden beide gleichzeitig verlangt, blockieren sie sich gegenseitig.
Die wirksamste Gegenmaßnahme ist deshalb keine Frage der Motivation, sondern der Struktur: Trenne Erzeugen und Bewerten konsequent voneinander. Schreib die erste Fassung so, als würde sie nie jemand lesen. Der Kritiker bekommt seinen Auftritt erst in der Überarbeitung.
Das Hochstapler-Gefühl
Die Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes beschrieben ein Muster, das sie das Imposter-Phänomen nannten – das Hochstapler-Gefühl. Das anhaltende Gefühl, eigene Erfolge seien unverdient oder Zufall, begleitet von der Angst, irgendwann als Betrug enttarnt zu werden. Betroffen waren in der Originalstudie Frauen mit nachweislich hoher Qualifikation, deren objektive Erfolge das subjektive Gefühl nicht entkräften konnten.
Schreiben ist ein Paradebeispiel für diesen Nährboden. Es gibt kein Diplom, keine bestandene Prüfung fürs Schreiben können. Jedes Werk ist ein neuer Anfang, ohne garantierten Übertrag deiner bisherigen Kompetenz. Das Gefühl, ein Hochstapler zu sein, ist trotzdem kein Beweis. Kompetenz und Selbstzweifel schließen sich nicht aus. Die meisten erfahrenen Autorinnen und Autoren kennen beides gleichzeitig, nicht nacheinander.
Auch ich erwische mich heute immer wieder dabei, solche Gedanken zuzulassen.
Teil 4: Die Praxis, die am Ende alles trägt
Warten auf die Muse oder ein Ritual bauen
Der Mythos der Muse behauptet, gutes Schreiben brauche einen Einfall, der sich nicht willentlich herbeiführen lässt. Die Verhaltensforschung zu Gewohnheiten widerspricht dem deutlich.
Feste Zeiten, ein gleichbleibender Ort, ein kleines wiederkehrendes Einstiegsritual, eine bestimmte Tasse Tee, dieselbe erste Zeile, ein bestimmtes Musikstück, signalisieren deinem Gehirn zuverlässig, dass jetzt eine bestimmte Art von Aufmerksamkeit gefragt ist. Das Ritual ersetzt die Inspiration nicht. Es macht sie unabhängiger vom Zufall.
Mein persönliches Ritual sieht wie folgt aus: Ich schreibe jeden Tag um dieselbe Uhrzeit, nämlich abends ab 19 Uhr. In der Zeit weiß mittlerweile auch jeder, dass ich nicht ansprechbar bin. Mit einer guten Tasse Tee und meiner Playlist „Musik zum Schreiben“ ziehe ich mich dann für eine Stunde in mein Atelier zurück und fange an. Manchmal wollen die Worte nicht sofort fließen, aber spätestens nach einer viertel Stunde kippt der Schalter und ich bin im Flow. Dein Ritual kann natürlich ganz anders aussehen.
Erlaubnis statt Perfektion
Die Psychologen Paul Hewitt und Gordon Flett zeigten, dass Perfektionismus keine einheitliche Eigenschaft ist. Besonders der sozial vorgeschriebene Perfektionismus, also die Wahrnehmung, andere würden Perfektion von dir erwarten, korreliert stark mit Schreibblockaden. Nicht deine eigenen Ansprüche halten dich auf, sondern eine eingebildete Bewertung durch andere, oft lange bevor überhaupt jemand etwas von dir liest.
»Ein erster Entwurf muss nicht gut sein. Er muss existieren.«
Das Wichtigste in Kürze
Dein Creative Mindset entscheidet mehr über dein Schreiben als du vielleicht denkst, und es entscheidet sich lange vor dem ersten Satz. Flow entsteht, wenn Anforderung und Können zueinander passen, nicht durch Zufall. Anspannung vor dem Schreiben ist kein Warnsignal, sondern oft ein Hinweis auf Bedeutung. Dein innerer Kritiker verstärkt sich durch Vergleich und durch Glaubenssätze, die du selbst kaum bemerkst, und er lässt sich am besten durch klare Trennung von Erzeugen und Bewerten leiser stellen. Und am Ende trägt dich nicht die Muse, sondern ein kleines, wiederholbares Ritual, verbunden mit der Erlaubnis, dass der erste Entwurf schlecht sein darf.
Dein Schreiben ist mehr als das, was auf der Seite steht
Genau wie bei deiner Creative Mental Health geht es auch hier nicht darum, alles auf einmal zu verändern. Es reicht, wenn du heute nur eine Sache mitnimmst. Vielleicht ist es die Frage, mit welchem Glaubenssatz du dich normalerweise an den Schreibtisch setzt. Vielleicht ist es die Erlaubnis, den nächsten Entwurf bewusst schlecht zu schreiben. Lass das einfach mal wirken. Und achte gut auf die Haltung, mit der du an deine Geschichte herangehst. Sie ist genauso Teil deines Handwerks wie jedes einzelne Wort, das du am Ende auf der Seite stehen hast.