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Fantasy Roman schreiben – Dein Schritt-für-Schritt-Einstieg

Fantasy Roman schreiben – Dein Schritt-für-Schritt-Einstieg

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, in dem ich beschlossen habe: Ich schreibe einen Fantasy-Roman.

Die Idee war da. Die Begeisterung war da. Und dann saß ich vor einem leeren Dokument und merkte, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich anfangen sollte. Ich hatte so viele Bücher gelesen, Welten erkundet und Figuren lieben gelernt, aber zwischen Leser und Autor klafft eine Lücke, die größer ist, als sie von außen aussieht.

Wenn du gerade an genau diesem Punkt stehst, ist dieser Artikel für dich. Er ist kein überwältigender Masterplan und auch kein Versprechen, aber ein ehrlicher Einstieg, Schritt für Schritt.

Warum Fantasy? Die Magie des Genres verstehen

Was Fantasy von anderen Genres unterscheidet

Fantasy ist das einzige Genre, das die Regeln der Wirklichkeit vollständig neu schreiben darf.

In einem Krimi müssen die Gesetze der Physik gelten. In einem Liebesroman bewegen sich die Figuren in einer Welt, die der Leser kennt. Fantasy dagegen fragt: Was wäre, wenn nichts davon gesetzt ist? Was wäre, wenn Magie existiert, Götter greifbar sind, die Geschichte anders verlaufen ist?

Das ist die eigentliche Stärke des Genres: keine Flucht vor der Realität, sondern einen anderen Blickwinkel auf das Menschliche. Die besten Fantasy-Romane erzählen von Macht, Verlust, Identität, Gerechtigkeit. Aber durch eine Welt, die genau so gebaut ist, dass diese Themen mit voller Wucht sichtbar werden.

Und das Kernhandwerk dahinter ist Worldbuilding. Nicht als Dekoration, sondern als Fundament. Die Welt ist es, die den Roman trägt. Das habe ich selbst auf die harte Tour gelernt, als mein erstes Manuskript nach zehn Kapiteln vollständig in sich zusammenbrach, weil ich das Worldbuilding ignoriert hatte.

Die Subgenres: High Fantasy, Dark Fantasy, Urban Fantasy & Co.

Fantasy ist kein Monolith. Und je nachdem, welches Subgenre du wählst, verändern sich die Erwartungen des Lesers, die Erzählkonventionen und der Aufwand beim Weltenbau grundlegend.

  • High Fantasy spielt in einer vollständig erfundenen Sekundärwelt: Mittelerde, Westeros, die Welt des Namens des Windes. Sie haben keine Verbindung zu unserer Realität. Was so viel bedeutet wie maximale Freiheit aber auch maximaler Aufbauaufwand.
  • Dark Fantasy arbeitet mit den Konventionen des Genres, aber dunkler, brutaler, ambivalenter. Moralische Graubereiche, Figuren ohne klare Heldenrolle, Welten ohne einfache Antworten.
  • Urban Fantasy bettet das Fantastische in unsere Gegenwart ein. Magie existiert, aber in Berlin, New York oder London. Der Weltenbau-Aufwand verlagert sich: Du baust keine neue Welt, sondern überarbeitest eine, die der Leser bereits kennt.
  • Romantasy, Portal Fantasy, Grimdark, Mythic Fantasy, die Liste geht weiter. Und das ist gut so, denn irgendwo darin steckt das Subgenre, das zu deiner Geschichte passt.

Die häufigste Frage: Brauche ich eine komplett neue Welt?

Nein.

Und ich sage das nicht, um die Arbeit kleinzureden. Sondern weil diese Überzeugung, dass man erst eine vollständige Welt gebaut haben muss, bevor man anfangen darf, eine der häufigsten Ursachen ist, warum Manuskripte nie begonnen werden.

Urban Fantasy braucht keine neue Welt. Portal Fantasy braucht nur eine Welt, durch die jemand hindurchtritt. Selbst High Fantasy fängt nicht mit einem vollständigen Atlas an, sie fängt mit einer Geschichte an, die Raum braucht.

Die Welt entsteht mit der Geschichte.

Schritt 1: Die Idee finden und entwickeln

Woher kommen Fantasy-Ideen?

Nicht aus dem Nichts. Und meistens nicht aus großen, epischen Visionen.

Die meisten Ideen entstehen aus einer Störung. Etwas, das nicht stimmt. Eine Frage, die keine Antwort hat. Ein Bild, das sich festsetzt und nicht wieder loslässt.

Inspirationsquellen jenseits der großen Vorbilder? Geschichte. Mythologie. Anthropologie. Träume. Ein Gespräch, das du zufällig gehört hast. Eine Emotion, die du nicht einordnen konntest. Musik, die eine Stimmung erzeugt, die du in Worte fassen willst.

Das Gefährliche an den großen Vorbildern wie Tolkien, Sanderson oder Patrick Rothfuss ist nicht, dass sie schlecht sind. Im Gegenteil. Das Gefährliche ist, dass sie so vollständig sind, dass man das Gefühl bekommt, man müsste mit derselben Vollständigkeit starten. Das ist eine Falle.

Deine Idee darf klein anfangen. Klein und scharf.

Die Kernfrage deiner Geschichte

Jeder gute Fantasy-Roman hat irgendwo im Herzen ein „Was wäre wenn?“

Was wäre, wenn Magie einen Preis hätte, der gerecht klingt aber keiner ist? Was wäre, wenn der Held die falsche Seite gewählt hat, ohne es zu wissen? Was wäre, wenn Götter existieren, aber gleichgültig sind? Diese Frage ist nicht die Handlung. Sie ist das Thema. Der Antrieb. Der Grund, warum deine Geschichte es wert ist, erzählt zu werden.

Nimm dir Zeit für diese Frage. Sie ist das Fundament von allem, was danach kommt.

Ideen testen: Ist das eine Geschichte oder nur eine Welt?

Das ist eine der wichtigsten Unterscheidungen überhaupt.

Eine Welt ist ein Ort. Eine Geschichte ist ein Mensch in einem Konflikt, der sich verändert.

Wenn du gefragt wirst, worum es in deinem Roman geht, und du anfängst, die Welt zu beschreiben (Magie-System, politische Strukturen, Geographie) dann hast du vielleicht noch keine Geschichte. Noch keine Figur, die etwas will. Noch keinen Konflikt, der brennt.

Das ist kein Urteil. Es ist ein Hinweis. Denn jetzt weißt du, wo du noch graben musst.

Schritt 2: Worldbuilding – so viel wie nötig, nicht mehr

Der Eisberg-Ansatz beim Weltenbau

Was der Leser sieht, ist die Spitze. Was du weißt, ist das, was darunter liegt.

80 % deines Worldbuildings werden nie direkt auf der Seite auftauchen. Keine ausführliche Erklärung des Magie-Systems, kein Exkurs in die Geschichte des Kaiserreichs, keine Lektion über die Währung der Handelsstädte. Und trotzdem spürt der Leser, ob das alles existiert.

Diese Unsichtbarkeit ist keine Verschwendung. Sie ist das, was Glaubwürdigkeit erzeugt. Wenn du weißt, wie das Magie-System in Extremsituationen versagt, auch wenn das nie im Roman vorkommt, schreibst du die Szenen, in denen Magie eingesetzt wird, ganz anders. Sicherer. Stimmiger. Mit einem Gewicht, das der Leser fühlt, ohne es benennen zu können.

Was du vor dem Schreiben wissen musst

Nicht alles. Aber das Richtige.

Setze Prioritäten. Welche drei Elemente deiner Welt sind absolut entscheidend für die Handlung? Fang damit an. Alles andere kann wachsen, während du schreibst.

Das Magie-System braucht klare Regeln – nicht für den Leser, sondern für dich. Wenn Magie in Kapitel drei möglich ist, kann sie in Kapitel zwölf nicht ohne Grund unmöglich sein. Kulturen brauchen innere Logik: Wie lebt man hier, warum lebt man so, was glauben die Menschen? Geschichte braucht nur so viel Tiefe, wie sie die Gegenwart deiner Handlung beeinflusst.

Die Worldbuilding-Falle: zu viel planen, nie anfangen

Ich kenne sie aus eigener Erfahrung.

Man baut und baut und baut und hat das Gefühl, produktiv zu sein. Städte bekommen Namen, Götter bekommen Mythen, Sprachen bekommen Grammatikregeln. Und der Roman? Der wartet.

Es gibt einen Punkt, an dem Worldbuilding kein Vorbereiten mehr ist, sondern Vermeiden. Einen Punkt, an dem die Welt zur Ausrede wird, nicht anzufangen.

Wie du diesen Punkt erkennst, wie du aus der Falle herauskommst und was durchdachtes Worldbuilding wirklich bedeutet, das habe ich in meinem [Worldbuilding-Artikel] ausführlich aufgeschrieben.

Schritt 3: Figuren und Plot – die Grundstruktur

Protagonist erschaffen: Wer trägt deine Geschichte?

Die Welt kann noch so faszinierend sein, wenn die Figur, die durch sie hindurchgeht, keine innere Wahrheit hat, wird der Leser sie nicht begleiten.

Dein Protagonist braucht ein äußeres Ziel und ein inneres. Er braucht einen Fehler, der ihn in Schwierigkeiten bringt. Und er braucht das Potenzial zur Veränderung oder zur Weigerung, sich zu verändern, wenn du einen negativen Charakterbogen erzählst.

Wie du eine Figur baust, die wirklich lebt, welche Fragen du ihr stellen musst und wie du ihren Charakterbogen entwickelst – das findest du in meinem [Charakterentwicklungs-Artikel].

Die 3-Akt-Struktur als einfacher Einstieg

Du brauchst keine komplexe Plotstruktur, um anzufangen. Die 3-Akt-Struktur ist simpel und funktioniert, weil sie nicht willkürlich ist, sondern dem natürlichen Bogen einer Geschichte folgt.

  • Anfang: Wer ist die Figur, was ist ihre Welt, was bricht dieses Gleichgewicht auf?
  • Konfrontation: Die Figur bewegt sich auf ihr Ziel zu – und alles, was kann, geht schief. Widerstände, Rückschläge, Entscheidungen, die Konsequenzen haben.
  • Auflösung: Der Höhepunkt. Die Entscheidung, die alles verändert. Das Ende – offen oder geschlossen, hoffnungsvoll oder bitter, aber stimmig.

Das ist kein Korsett. Es ist ein Gerüst. Und Gerüste werden abgebaut, wenn das Gebäude steht.

Plotten oder drauflosschreiben?

Die ehrliche Antwort: Beides funktioniert. Und die meisten Autoren oder Autorinnen liegen irgendwo dazwischen.

Ob du ein Plotter bist, der erst den gesamten Bogen kennen muss, bevor er die erste Szene schreibt oder ein Pantser, der sich von der Geschichte überraschen lässt, hat weniger mit Talent zu tun als mit dem, wie dein Kopf arbeitet.

Schritt 4: Das erste Kapitel schreiben

Der erste Satz und warum du ihn nicht perfektieren musst

Der erste Satz eines Romanes ist wichtig. Das stimmt.

Aber er ist in der ersten Fassung nicht fertig. Das ist auch in Ordnung.

Wie viele großartige Bücher niemals über das erste Kapitel hinausgekommen sind, weil der erste Satz nicht saß, das lässt sich nicht zählen. Schreib ihn. Schreib ihn schlecht, wenn nötig. Schreib ihn als Platzhalter. Aber schreib den zweiten Satz. Und den dritten.

Der erste Satz wird in der Überarbeitung geboren, nicht im ersten Entwurf.

In medias res vs. langsamer Aufbau

Fantasy hat eine Tradition des langsamen Einstiegs. Der Hobbit beginnt in einem Hobbit-Loch. Das Lied von Eis und Feuer beginnt mit einer Patrouille im Nichts. Der Name des Windes beginnt mit Stille.

Aber in medias res, mitten in die Handlung, mitten in den Konflikt, funktioniert auch im Fantasy-Genre. Vielleicht sogar besonders gut, weil der Leser sofort einen Anker hat: eine Figur, eine Situation, eine Spannung.

Was nicht funktioniert: ein langsamer Aufbau, der keinen Einstieg ins Emotionale findet. Welt-Info-Dumping statt Figur. Beschreibung statt Erfahrung. Das Fantasy-Genre ist kein Freifahrtschein für seitenweise Exposition.

Regel: Egal, wo du anfängst, der Leser muss so früh wie möglich eine Figur haben, um die er sich sorgt.

Der innere Kritiker: Rohtext erlaubt!

Der innere Kritiker ist der lauteste Feind des ersten Entwurfs.

Er flüstert, dass der Satz nicht gut genug ist. Dass die Szene noch nicht funktioniert. Dass du vielleicht doch nochmal von vorn anfangen solltest. Er ist nicht böse gemeint, aber er ist fehl am Platz.

Der erste Entwurf ist kein fertiger Text. Er ist Rohmaterial. Erlaubt ist alles: Klammern mit Notizen an dich selbst, Szenen, die nicht stimmen, Dialoge, die noch hölzern klingen. Das gehört dazu.

Schreib zuerst. Verbessere später. Immer in dieser Reihenfolge.

Dein Fahrplan: Die nächsten 30 Tage

Woche 1–4: Kleine Schritte mit großem Effekt

Du brauchst keinen perfekten Plan. Aber du brauchst einen Anfang.

  • Woche 1 – Idee und Kern: Beantworte dein „Was wäre wenn?“. Schreib in zwei Sätzen, worum es in deiner Geschichte geht. Nicht die Welt. Die Geschichte.
  • Woche 2 – Worldbuilding-Fundament: Lege drei unumstößliche Regeln deiner Welt fest. Schreib eine kurze Geschichtsstunde, maximal eine Seite. Was ist das wichtigste Ereignis der letzten hundert Jahre deiner Welt?
  • Woche 3 – Figur und Struktur: Füll den Charakterbogen deines Protagonisten aus. Skizziere die drei Akte in je drei Sätzen. Nicht mehr.
  • Woche 4 – Anfangen: Schreib das erste Kapitel. Nicht perfekt. Fertig.

Schreibtyp-Test: Was passt zu dir?

Bevor du loslegst, lohnt sich eine ehrliche Frage: Wie arbeitest du eigentlich?

Brauchst du Struktur, um dich sicher zu fühlen? Oder verlierst du die Lust, wenn alles schon feststeht? Liebst du Überraschungen beim Schreiben oder machen sie dich nervös?

Dein Schreibtyp beeinflusst, welche Methode für dich funktioniert. Und wer die falsche Methode benutzt, schreibt nicht schlechter aber oft langsamer, frustrierter, weniger im Flow.

Zum kostenlosen Schreibtyp-Quiz

Finde heraus, ob du Plotter, Pantser oder Plantser bist und was das für deinen Einstieg bedeutet.

Fantasy schreiben bedeutet, eine Welt zu erschaffen, die es noch nicht gibt. Das ist keine kleine Sache. Aber es beginnt mit einem ersten Schritt. Einem ersten Satz. Einer ersten Frage, der du folgst, weil sie dich nicht loslässt.

Fang da an. Der Rest kommt mit.

Und nun lass deine Worte fliegen und webe mit ihnen die Magie deiner Geschichte.

Bis zum nächsten Mal im 

Ideenwerk

Autorenbild

Sara-Isabell

Ich habe mein Leben und Werk der Kreativität, Inspiration und Motivation verschrieben. Drei Werte, die sich im Laufe meiner kreativen Reise immer deutlicher gezeigt haben.

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