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Ausdruck und Stil – Der Schreibkiller in der Schule?

Ausdruck und Stil - Der Schreibkiller in der Schule?

Neulich beim Aufräumen, sind mir alte Arbeitshefte aus meiner Schulzeit in die Hände gefallen. Unter anderem auch die aus meinem Deutsch Leistungskurs. Aus einer Mischung aus Nostalgie und Neugier schlug ich sie auf und wollte sehen, was ich damals eigentlich so geschrieben hatte.

Doch die Neugier wich schnell einer gewissen Ernüchterung.

In fast jeder Arbeit fand ich Anmerkungen zu meinem Ausdruck und Stil. Punkteabzug hier, Kommentare dort. Und ich dachte zunächst: Nanu, was war denn da los?

Beim genaueren Hinsehen wurde es klarer und gleichzeitig auch irritierender. Ich wurde häufig dafür kritisiert, dass ich andere Wörter benutzt hatte, die offenbar nicht geläufig genug waren. Dass ich ausschweifender schrieb als andere. Inhaltlich stimmte vieles, aber mein Stil wich offensichtlich von der erwarteten Norm ab.

Und genau dort wurde es spannend. Denn zwischen den Korrekturen sah ich etwas, das ich damals selbst noch nicht einordnen konnte. Die ersten Spuren meines heutigen Schreibstils. Nur dass dieser Stil damals nicht als Stärke angesehen wurde, sondern als Abweichung. Mit einem gewissen Schrecken musste ich feststellen, dass genau dieser Ausdruck, der sich schon früh gezeigt hatte, im schulischen Rahmen nicht gut ankam, weil er nicht ins Raster passte.

Ich blätterte weiter zurück, bis in die Mittelstufe. Und dann kam mein persönliches Highlight, oder eher mein Tiefpunkt. Punktabzug in einer Klassenarbeit in der zehnten Klasse, weil ich das Wort „Kleinbürgertum“ verwendet hatte. Der Kommentar dazu lautete, ich hätte abgeschrieben und so ein Wort könne nicht von mir stammen.

Hallo?

Und während ich so durch die Hefte blätterte, schlich sich ein Gedanke in mein Bewusstsein, der sich nicht mehr so leicht abschütteln ließ. Zerstört die Schule den eigenen schriftstellerischen Stil?

Ich ließ diese Frage zunächst stehen, aber sie blieb

Einige Zeit später suchte ich alte Texte, die nach meiner Schulzeit entstanden waren. Und das Ergebnis war ernüchternd. Denn etwas hatte sich verändert. Ich hatte begonnen, mich beim Schreiben zu verstellen. Meine Texte klangen nicht mehr nach mir. Sie waren glatt, angepasst und irgendwie austauschbar. Vielleicht ist genau das das treffendste Wort: Austauschbar.

Ich hatte angefangen so zu schreiben, wie ich glaubte schreiben zu müssen, um zu gefallen und um keine Kritik mehr zu bekommen. Die Kehrseite davon waren bessere Noten und weniger Anmerkungen zum Stil. Aber auch weniger Verbindung zu dem, was ich eigentlich ausdrücken wollte. Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich Texte geschrieben hatte, die ich selbst kaum noch gefühlt hatte. Sie waren korrekt, aber sie waren nicht mehr ich.

Im Rückblick wirkt das wie ein ziemlich trauriges Zeugnis eines Systems, das offenbar stärker auf Anpassung als auf Entfaltung ausgerichtet ist. Vielleicht habe ich es damals auch nur so erlebt, aber der Eindruck blieb, dass wer besonders schreibt, erstmal falsch schreibt.

Und genau das beschäftigt mich bis heute

Denn wenn kreative Ausdrucksformen früh normiert werden, bleibt am Ende oft Mittelmaß übrig. Nicht weil kein Talent da wäre, sondern weil es sich nicht zeigen durfte. Später hatte ich das Glück, Menschen zu begegnen, die genau das Gegenteil getan haben. Die mich ermutigt haben, meinem Stil zu vertrauen und ihn nicht zu glätten.

Also begann ich wieder zu schreiben. Erst vorsichtig, dann immer freier. Und irgendwann war er wieder da, mein eigener Ton. Nicht angepasst, nicht glatt, aber echt.

Mit jedem Text wurde er klarer

Rückblickend habe ich dadurch nicht nur Schreiben gelernt, sondern auch etwas zurückgewonnen, das ich zwischendurch verloren hatte. Den Mut, nicht in die Norm zu passen. Dieser Weg hatte Folgen im besten Sinne. Ich wurde veröffentlicht, war als Gastrednerin an Universitäten und Schulen eingeladen, wurde Gastautorin auf verschiedenen Plattformen und hatte kleinere Veröffentlichungen in unterschiedlichen Publikationen.

So falsch kann dieser Stil also nicht gewesen sein.

Und trotzdem bleibt die Frage, ob unser Schulsystem wirklich darauf ausgelegt ist, individuelle Ausdrucksformen zu erkennen und zu fördern. Oder ob dabei zu viel kreative Eigenständigkeit verloren geht, weil sie schwerer zu bewerten ist als Anpassung. Denn eines ist klar. Eine Gesellschaft braucht kreative Köpfe. Menschen, die Sprache nicht nur korrekt verwenden, sondern lebendig machen. Denn genau daraus entsteht Innovation und letztlich Fortschritt.

Meine Schulzeit liegt inzwischen lange hinter mir. Die Hefte sind wieder im Karton verschwunden und ich hege keinen Groll. Wahrscheinlich war vieles einfach dem System geschuldet, in dem wir uns damals bewegt haben. Aber ich wünsche mir für kommende Generationen, dass ihr Ausdruck nicht zu früh eingeengt wird. Dass Stil nicht mit falsch gleichgesetzt wird, nur weil er anders ist. Und dass kreative Funken nicht im Keim erstickt werden, nur weil sie nicht in ein bestimmtes Schema passen.

Lasst eure Worte übers Papier fliegen. Lasst sie unordentlich sein, eigen und vielleicht auch zu viel. Und erschafft daraus etwas Neues. Habt den Mut, euren eigenen Stil zu finden und ihn nicht zu verstecken, sondern zu leben.

Und vielleicht bleiben am Ende genau diese Fragen:

  • Wie habt ihr das erlebt?
  • Habt ihr euren Stil verändert, bewusst oder unbewusst?
  • Hat euch Schule eher geformt oder eher eingeengt?
  • Oder braucht es diese Normen vielleicht sogar am Anfang, um sich später davon lösen zu können?

Und nun lass deine Worte fliegen und webe mit ihnen die Magie deiner Geschichte.

Bis zum nächsten Mal im 

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Autorenbild

Sara-Isabell

Ich habe mein Leben und Werk der Kreativität, Inspiration und Motivation verschrieben. Drei Werte, die sich im Laufe meiner kreativen Reise immer deutlicher gezeigt haben.

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