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Deine eigene Stimme finden: Warum guter Stil nicht bedeutet, wie jemand anders zu klingen

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, in der ich mich beim Schreiben ständig gefragt habe:

  • Klingt das gut genug?
  • Klingt das wie ein richtiges Buch?

Und ganz ehrlich, meistens meinte ich damit: Klingt das wie die Autorinnen und Autoren, die ich bewundere?

In meinem Artikel über Ausdruck und Stil habe ich bereits davon erzählt, wie sehr das Schulsystem uns beibringt, Sprache nach fremden Maßstäben zu bewerten. Heute möchte ich einen Schritt weitergehen. Denn selbst wenn man diese schulischen Prägungen hinter sich gelassen hat, bleibt eine weitere Falle bestehen: die Vorstellung, guter Stil bedeute, wie jemand anders zu klingen.


Woher diese Verwirrung kommt

Wir lesen die Bücher, die wir lieben, und irgendetwas in uns denkt: So möchte ich auch schreiben können. Das ist erst einmal nichts Schlechtes. Vorbilder zu haben, ist wichtig und auch richtig. Aber leise verschiebt sich daraus oft ein Anspruch, der uns nicht mehr voranbringt, sondern lähmt. Der Anspruch, wie ein anderer Mensch zu klingen, statt wie wir selbst.

Ich habe selbst Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass meine Lieblingsautorinnen und Lieblingsautoren nicht deshalb so gut schreiben, weil sie eine bestimmte Formel befolgen. Sie schreiben gut, weil sie ihre eigene Art zu denken, zu fühlen und die Welt zu sehen, auf die Seite gebracht haben. Genau das kann ich nicht kopieren. Ich kann nur meine eigene Version davon finden und in Worten festhalten.

Was Stimme eigentlich bedeutet

Anders ausgedrückt: Stimme ist nicht die Summe deiner Stilmittel. Sie ist die Art, wie du die Welt siehst, übersetzt in Sprache. Zwei Menschen können denselben Satzbau, dieselbe Wortwahl, sogar dieselbe Grammatik verwenden und trotzdem vollkommen unterschiedlich klingen, weil hinter den Worten ein anderer Blick auf die Dinge und die Welt steht.

Deine Stimme zeigt sich nicht nur darin, was du sagst, sondern darin, was dir auffällt. Welche Details du bemerkst, wenn andere daran vorbeigehen. Welche Fragen dich beschäftigen, auch wenn deine Figuren gerade etwas ganz anderes tun. Welcher Rhythmus sich einstellt, wenn du nicht mehr nachdenkst, sondern einfach schreibst.

Warum wir uns trotzdem verstellen oder verstecken

Die eigene Stimme zu zeigen, heißt verletzlich zu sein. Ein fremder Stil fühlt sich manchmal sicherer an, weil er schon erprobt ist. Wenn ich schreibe wie jemand, der bereits erfolgreich ist, dann kann ich mich hinter dieser Sicherheit verstecken. Meine eigene Stimme dagegen ist ungeschützt. Sie zeigt, wie ich wirklich denke und dieser Gedanke kann beängstigend sein.

Aber genau diese Verletzlichkeit ist es, die die Leser berührt. Texte, die wie eine Kopie von etwas anderem klingen, mögen technisch sauber sein, aber sie bleiben oft seltsam distanziert. Texte, in denen eine echte Stimme spürbar ist, auch wenn sie noch nicht perfekt ist, bleiben im Gedächtnis.

Wie du deine Stimme findest

Ich glaube nicht, dass man die eigene Stimme sucht, wie man einen verlorenen Gegenstand sucht. Ich glaube, man legt ihn Stück für Stück frei und zwar mit jeder Zeile die wir schreiben und uns von unseren Vorbildern lösen. Denn unter den bereits bekannten Zeilen, war die eigene Stimme schon die ganze Zeit über da.

Ein Weg dahin: Schreib eine Szene zweimal. Einmal so, wie du glaubst, dass sie klingen sollte. Und einmal so, wie du es sagen würdest, wenn dir jemand die Geschichte einfach erzählen würde, ohne dass du an Literatur denkst. Meistens liegt in der zweiten Version mehr von dir, als du erwartet hättest.

Ein anderer Weg: Achte auf die Momente, in denen du beim Schreiben vergisst, wie du klingen möchtest, weil du zu sehr im Text drin bist. Diese Momente sind oft die ehrlichsten. Halte fest, wie sich das anfühlt, und versuche, öfter dorthin zurückzufinden.

Zusammengefasst bedeutet das

Guter Stil ist keine Nachahmung. Er ist die zunehmend mutige Entscheidung, mit deiner eigenen Sprache, deinem eigenen Blick, deinem eigenen Rhythmus auf die Seite zu treten. Das braucht Zeit. Es braucht Mut. Und es braucht die Bereitschaft, unfertig zu klingen, bevor man seine eigene Klarheit findet.

Deine Stimme ist nicht etwas, das du dir erarbeiten musst wie eine Technik. Sie ist bereits da. Du musst ihr nur erlauben, lauter zu werden als die Stimmen, die du zu imitieren gelernt hast.

Und nun lass deine Worte fliegen und webe mit ihnen die Magie deiner Geschichte.

Bis zum nächsten Mal im 

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Sara-Isabell Buch, Autorin und Lektorin im SchreibAtelier

Sara-Isabell

Ich habe mein Leben und Werk der Kreativität, Inspiration und Motivation verschrieben. Drei Werte, die sich im Laufe meiner kreativen Reise immer deutlicher gezeigt haben.

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