Hast du dich auch schon einmal dabei ertappt, wie du einen Satz von dir liest und du dir denkst: „Gott klingt der flach“?
Dabei ist er grammatikalisch korrekt, verständlich und sicher. Aber irgendwie fehlt das gewisse Etwas. Das, was dich ausmacht. Egal wie du es drehst und wendest, er hat einfach kein Gewicht und klingt nicht nach dir. Schlimmer noch, er ist beliebig und könnte von irgendjemanden stammen.
Und dann liest du einen Satz in einem Buch, das du liebst, und du weißt sofort: Das ist Stil! Es ist nicht richtig greifbar aber du spürst es instinktiv.
Die gute Nachricht ist: Schreibstil ist keine mystische Gabe, die man entweder hat oder nicht hat. Er ist eine Frage der Praxis und wie jede Praxis wächst er durch Übung. Und ja, die kann manchmal unbequem sein.
Damit du ein Gespür für deinen eigenen Schreibstil bekommst, habe ich dir hier sieben kleine Übungen zusammengestellt, mit denen du ein wenig dein Schreiben trainieren kannst.
Diese sieben Übungen sind weder schwer noch aufwändig. Aber alle werden etwas in dir verändern, wenn du dich wirklich auf sie einlässt.
Was ist Schreibstil und kann man ihn wirklich trainieren?
Stil als Fingerabdruck: Was ihn ausmacht
Dein Schreibstil ist der Fingerabdruck deiner persönlichen Sprache. Er ist die Summe aus allem, was du bisher erlebt und geschaffen hast. Er zeigt sich, wenn du einen Satz formst: wie lang er ist, welche Wörter du wählst, ob du eher Bilder erschaffst oder argumentierst, ob du nah am Leser bist oder Distanz hältst.
Konkret setzt sich Stil aus vier Elementen zusammen:
- Rhythmus: das Tempo und der Klang deiner Sätze. Ob sie fließen oder stocken. Ob sie atmen.
- Wortwahl: ob du das präzise, unerwartete Wort wählst oder das erste, das dir einfällt.
- Syntax: wie du Sätze baust. Ob du den Kern vorne oder hinten setzt. Ob du verschachtelst oder klar trennst.
- Ton: die emotionale Haltung hinter den Worten. Ob du schreibst wie jemand, der sich traut, oder wie jemand, der sich absichert.
Diese vier Elemente beeinflussen sich gegenseitig. Und alle vier lassen sich trainieren.
Warum Nachahmung ein legitimer erster Schritt ist
Viele fühlen sich unwohl bei dem Gedanken, andere zu imitieren. Das klingt nach Abschreiben und ist alles andere, als der eigene Stil.
Aber schau dir an, wie Musizierende lernen: Sie spielen Kompositionen der Großen nach, bis sie die Struktur verinnerlicht haben, bevor sie anfangen, eigene Musik zu schreiben. Malende kopieren Meisterwerke im Museum, um zu begreifen, wie Licht die Bildkomposition beeinflusst. Das ist keine Schwäche. Das ist Handwerk und ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum eigenen Stil, der unverkennbar deine persönliche Handschrift trägt.
Wenn du einen Stil analysierst und Autoren nachahmst, die du bewunderst, verinnerlichst du Strukturen, die später unbewusst in dein eigenes Schreiben fließen. Nachahmung ist der erste Schritt zur eigenen Stimme.
Die 7 Übungen
Übung 1: Schreib einen Absatz in drei Stilen um
Nimm einen beliebigen Inhalt, es kann etwas so Simples sein wie: »Heute Morgen hat es geregnet. Ich war zu spät. Mein Kaffee war kalt.«
Schreib diesen Inhalt jetzt dreimal auf und zwar jeweils in einem anderen Stil:
- sachlich und nüchtern (wie ein Protokoll, klar und ohne Wertung)
- poetisch und atmosphärisch (Bilder, Klang, Stimmung)
- knapp und scharf (so wenig Worte wie möglich, jedes Wort trägt Gewicht)
Lass dir für jeden Stil ein paar Minuten Zeit. Redigiere nicht und schreib einfach drauflos.
Was du dabei lernst
Diese Übung zeigt dir, dass derselbe Inhalt unendlich viele Gesichter hat. Du wirst spüren, welcher Stil dir leichter fällt und welcher dich herausfordert und genau diese Herausforderung ist so wertvoll. Sie zeigt dir, wo du noch wachsen kannst und erhältst einen ersten Hinweis darauf, in welche Richtung sich dein Schreiben entwickeln wird.
Übung 2: Die Sinnesübung – raus aus dem Kopf
Setz dich an einen Ort (deinen Schreibtisch, ein Café, einen Park) und nimm dir fünf Minuten Zeit und schreib eine Szene, die ausschließlich auf Wahrnehmung basiert.
Keine Handlung. Kein »Sie dachte«, kein »Er fragte sich«. Nur das, was die Sinne aufnehmen: Was siehst du? Was hörst du? Was riechst du? Was fühlt sich an?
Beispiel: Nicht »Es war ein warmer Tag« – sondern »Die Sonne lag schwer auf meinen Unterarmen. Der Asphalt roch nach Regen, der schon Stunden weg war.«
Was du dabei lernst
Konkrete Sinneseindrücke statt erzählerischer Abstraktion. Das ist der vielleicht wichtigste Stil-Schalter überhaupt. Abstrakte Sätze erzeugen Wissen. Konkrete Sätze erzeugen Erleben. Und Leser wollen nicht nur verstehen, sie wollen sich erinnern, wie es sich angefühlt hat.
Diese Übung trainiert das Gehirn darin, die Welt durch die Seiten zu zeigen, statt sie zu erklären.
Übung 3: Füllwörter streichen
Nimm einen eigenen Text (ein Absatz reicht) und markiere alle folgenden Wörter farbig:
- sehr, wirklich, irgendwie, eigentlich, natürlich, einfach
- plötzlich, schon, noch, auch
- sozusagen, gewissermaßen, quasi
Dann: Streich sie. Und ich mein wirklich alle. Lies dir den Text danach selbst laut vor. In den meisten Fällen klingt er klarer, stärker, präziser. Wenn ein Satz ohne das Wort keinen Sinn mehr ergibt, schreib ihn neu, statt das Füllwort zu retten.
Die häufigsten Füllwörter im Deutschen
»Plötzlich« ist das klassische Beispiel: Es soll Überraschung erzeugen, erzeugt sie aber nie. Was Überraschung erzeugt, ist ein Satz, den der Leser nicht erwartet hat. »Sehr« ist das andere Dauerproblem. »Sehr müde« ist schwächer als »erschöpft«. Nutze das präzisere Wort und du brauchst keinen Verstärker mehr.
Übung 4: Aktiv statt Passiv
Lies einen eigenen Text und suche alle Passiv-Konstruktionen. Du erkennst sie an Formulierungen wie:
- »wurde geschrieben«, »wird gegeben«, »ist bekannt«
- »kann gesagt werden«, »ist zu beobachten«
Formuliere ihn in einen aktiven Satz um. Wer handelt? Setz diese Person oder Sache nach vorne in den Satz.
Passiv: »Das Fenster wurde von ihr geöffnet.« → Aktiv: »Sie öffnete das Fenster.«
Wann Passiv erlaubt ist
Passiv hat seinen Platz. Wenn der Handelnde unbekannt oder unwichtig ist, macht es Sinn: »Das Manuskript war seit Jahren unentdeckt geblieben.«
Aber wenn der Gebrauch des Passivs aus Unsicherheit oder Distanz entsteht, dann kostet es deinen Text Energie. Aktiv ist in der Regel lebendiger, wärmer, klarer.
Übung 5: Schreib mit der Hand
Ein leeres Heft, ein Stift und zehn Minuten täglich.
Schreib irgendetwas. Was du heute erlebt hast, eine Szene aus deinem Roman, einen Brief, den du nie abschickst. Das Thema ist egal. Was zählt, ist das Schreiben mit der Hand, ohne Löschen, ohne Formatieren, ohne Autocomplete.
Warum das den Stil verändert
Das ist neurologisch erklärbar: Handschrift aktiviert andere Hirnareale als das Tippen. Sie ist langsamer und diese Langsamkeit zwingt dich, Sätze zu denken, bevor du sie schreibst. Du wählst Worte bewusster. Du baust den Rhythmus anders auf.
Viele Autorinnen und Autoren berichten, dass ihnen beim Handschreiben Sätze gelingen, die sie am Computer so nie formuliert hätten. Die Verbindung zwischen Hand und Gedanke ist eine andere. Sie ist direkter, ungefilterter und manchmal aufrichtiger.
Ich selbst schreibe heute immer noch viel mit der Hand und fühle mich dabei viel freier in meinen Gedanken. Am Bildschirm bin oftmals blockiert. Fragt mich nicht warum, aber diese Art zu schreiben, hat mein eigenes Schreiben extrem verändert und das zum Positiven. Von allen Übungen ist dies wohl meine Liebste.
Übung 6: Lieblingssatz analysieren
Nimm ein Buch, das du liebst. Öffne es irgendwo. Suche einen Satz, bei dem du spürst: Das ist gut. Schreib ihn auf.
Dann stelle dir diese Fragen:
- Wie lang ist der Satz? Wie viele Nebensätze hat er?
- Welches Wort trägt das meiste Gewicht und wo steht es?
- Was macht der Rhythmus? Fließt er oder bremst er ab?
- Welches Bild oder welche Emotion erzeugt er?
Schreib jetzt einen eigenen Satz, der dieselbe Struktur nutzt aber mit völlig anderem Inhalt.
Elemente bewusst ins eigene Schreiben übernehmen
Diese Übung macht das Unbewusste bewusst. Du wirst anfangen, Sätze zu lesen, wie ein Uhrmacher eine Uhr aufschraubt, um sein Inneres zu verstehen. Und dieses Verständnis verändert alles.
Übung 7: Das 5-Minuten-Freewriting
Stell einen Timer auf fünf Minuten. Schreib und hör nicht auf, bis er klingelt.
Kein Thema. Kein Ziel. Kein Korrigieren. Wenn dir nichts einfällt, schreib: »Mir fällt gerade nichts ein, aber ich schreibe trotzdem weiter.« Der Trick ist: Du darfst nicht aufhören. Die Hand muss sich bewegen.
Als tägliches Warm-up integrieren
Freewriting ist wie das Dehnen vor dem Laufen. Es bringt dich in den Fluss, bevor du an dem arbeitest, was wirklich zählt.
Und manchmal passiert im Freewriting etwas Unerwartetes. Ein Satz, den du so nicht gesucht hättest. Eine Wendung, die du nicht geplant hast. Eine Wahrheit, die sich nur herausschreibt, wenn du nicht darüber nachdenkst.
Das ist Stil in seiner reinsten Form: wenn die Hand weiser ist als der Kopf.
Diese Technik nutze ich ebenfalls selbst sehr oft, um in den Flow zu kommen. Denn auch bei mir kommt es oft vor, dass ich nicht direkt in den Schreibfluss komme und erst einmal einen kleinen Anlauf brauche, ehe es dann richtig flutscht. Meistens kombiniere ich diese Übung mit Übung 5.
Fazit: Stil ist eine Praxis, kein Ziel
Kein Schreibstil entsteht an einem Nachmittag. Keiner entsteht durch Lesen allein. Er entsteht durch Übung und zwar durch regelmäßige, ehrliche und manchmal auch frustrierende Übung.
Die sieben Übungen, die du hier kennengelernt hast, sind keine Wundermittel. Aber sie öffnen Türen. Sie zeigen dir, wo deine Sprache noch schlummert und was möglich wäre, wenn du ihr Raum gibst.
Stil wächst nicht durch Warten. Er wächst durch das nächste Wort, das du schreibst.
Schreibtyp-Test: Welcher Stil passt zu dir?
Bevor du anfängst zu üben, lohnt sich eine ehrliche Frage: Wie arbeitest du eigentlich? Brauchst du Struktur, um in den Fluss zu kommen oder verlierst du die Lust, wenn alles schon feststeht? Liebst du es, dich von der Sprache überraschen zu lassen oder macht dich das nervös?
Dein Schreibtyp beeinflusst, welche Übungen zuerst greifen werden und welche du dir für später aufheben kannst.
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Und jetzt fang einfach an. Alles andere kommt dann von selbst. Vertrau dem Prozess.